Gabelfedern tauschen ohne Demontage der Gabel

Da mich die etwas raue Art der Gabel der Valk schon länger genervt hat, habe ich mir Progessive Suspension Forksprings bestellt. Das sind progressive Federn im Gegensatz zu den doppeltlinearen Originalfedern. Da ich nicht mit ausgebauten Gabelbeinen zur Werkstatt reisen wollte, war Selbermachen angesagt. Bislang gibt es nur zwei englische Beschreibungen für den Einbau dieser Federn, beide jedoch nur teilweise umsetzbar. Also hab ich einfach mal angefangen und dabei Fotos geschossen....

Hier nun eine Variante mit eingebauter Gabel. Für das erste Mal habe ich etwa 1 1/2 Stunde gebraucht, wenn man die Zeit nicht mitrechnet, die ich gebraucht habe, um das HONDA Spezialwerkzeug zum Öffnen der linken inneren Gabelschraube aufzutreiben. Letztendlich habe ich kein passendes Werkzeug bekommen, dazu weiter unten mehr.

Noch eine wichtige Anmerkung: Die eingefüllte Menge und die Viskosität des Gabelöls bestimmen wesentlich die Fahreigenschaften des Bikes. Wenn im Nachfolgenden Federn, Hülsen oder sonstiges aus den Federbeine gezogen werden, so ist es sehr wichtig, diese Teile immer weitestgehend abtropfen zu lassen. Ich habe je für rechts und für links die Teile in je eine Wanne zum Abtropfen gestellt, damit ich etwa abschätzen kann, wie viel Gabelöl so herausgeschafft wurden. Ich habe dann vor dem Schließen der Gabel in jedes Bein etwa 4ml Gabelöl nachgefüllt. Das serienmäßige Öl ist Pro Honda Suspension Fluid SS-8. Habe von meinem Händler aus der Werkstatt etwas bekommen - herzlichen Dank!

Es wird also benötigt: etwas Gabelöl, 17er Maul, 14er Maul, 24er Sechseck-Ring, Spezialwerkzeug HONDA 07VMA-MZ0010A (oder auch nicht - siehe unten), 60cm stabiler Draht mit umgebogenen Haken, eine 50ml Spritze mit Schlauch, Bikeheber, Wagenheber oder viel Kraft, Holzblöcke zum Unterlegen, ein Spanngurt und das was ich vergessen habe....

Und noch ein Hinweis: Ich habe mich bemüht, hier alles richtig zu beschreiben. Da ich jedoch weder Mechaniker noch ein HONDA-Werkstattangehöriger bin, kann ich natürlich keinerlei Garantie für die nachfolgende Beschreibung übernehmen - bei mir hat es genauso funktioniert. Nur wer sich die beschriebenen Arbeiten auch zutraut, sollte es selber machen. Wenn nicht, dann lasst es lieber von der HONDA-Fachwerkstatt durchführen....

Nun geht es los:

Da Valk muss sicher aufgebockt stehen. Da ich einen Hauptständer habe, konnte ich den Unterschraubrahmen von Andy aus Berlin erst verwenden, nachdem ich den hinteren Tragbügel bis auf den unteren Teil des Rechteckrohres abgeflext habe und auf diesen ein 25mm dickes Brett zwischen Ständerhilfsrahmen (das schwarze Teil) und dem Unterschraubrahmen gelegt habe. Dann kam unter das Vorderrad ein Wagenheber, der leicht auf Spann gestellt wurde, das Hinterrad wurde zusätzlich unterstützt, damit die Maschine nicht nach hinten vom Heber abkippen kann.

Dann werden die oberen Gabelschrauben geöffnet. Das ist eine 24er Schraube und man sollte einen Sechseckschlüssel verwenden um sie nicht zu beschädigen. Wenn die Gabel richtig eingestellt ist - d.h. wenn man direkt an der Gabelbrückenoberfläche die Kerbe zwischen Gabelbein und Kappe sehen kann - dann braucht die obere Gabelbrückenklemmschraube nicht (!) geöffnet werden. Wenn die Gabelbeine weiter drin sind, dann muss die obere Klemmung geöffnet werden - angezogen wird sie dann wieder mit 55Nm. Aber, wenn die Gabelrohre zu weit drin sind, dann wäre es jetzt sowieso an der Zeit, diese dann korrekt in der Höhe einzustellen. (Dazu auch die unteren Gabelbrückenschrauben und die Blinkerbefestigungen innen und außen lösen, hochschieben und wieder alles zuschrauben - untere Gabelbrückenklemmschrauben mit je 26Nm, Blinker handfest) Wichtig: Beide Seiten müssen gleich hoch sein!!!!

 Wenn beide Kappen gelöst sind, dann hebt man mit dem Wagenheber unter dem Vorderrad dieses leicht an und dreht die Kappen endgültig los. Wenn sie ganz abgeschraubt sind, wird das Vorderrad ganz nach oben bis zum Anschlag hochgeschoben und dort fixiert. Ich habe mir mit einem Spannband geholfen. Das Rad bleibt während der ganzen Arbeiten oben.

Dabei läuft übrigens kein Gabelöl oben aus, da der Füllstand unterhalb der Oberkante der unteren Gleitrohre liegt! Nach dem Hochschieben sieht es oben so aus:

Nun beginnen wir mit dem rechten Federbein. Unter der Kappe ist eine Kontermutter, die kann mit einem 17er Gabelschlüssel gehalten werden. Die Kappe wird abgedreht ohne die Kontermutter auf ihrem Gewinde zu verdrehen.

Hier erst mal das rechte obere Ende mit Kappe. man sieht die Kontermutter unter der Kappe und darunter eine Unterlegscheibe und dann ein Rohr.

Dann misst man mit der Schieblehre, wie weit das Gewinde über diese Kontermutter übersteht und notiert sich den Wert. Der ist übrigens links und rechts gleich. Die Kontermutter wird soweit abgedreht, dass sie noch etwa zur Hälfte auf dem Gewindestab sitzt (Stange verschwindet etwa 6mm in die Kontermutter hinein). Auf keinen Fall ganz abdrehen. Dann wird die Hülse nach unten gedrückt und die Unterlegscheibe herausgenommen. Diese ist geschlitzt - kann also ohne Entfernen der Kontermutter entnommen werden. Dann zieht man das Rohr langsam heraus und saugt mit einer Spritze das Gabelöl ab, das mit dem Herausziehen des Rohres mit nach oben gebracht wird (das Rohr hat unten einen Gleitring). Es sind etwa 20 ml. Dann kann das Rohr endgültig herausgezogen werden.

Hier das obere Ende des Rohres mit der Scheibe, die unter der Kontermutter eingeschoben ist...

und hier das untere Ende mit dem Gleitring, der das Öl mit nach oben schafft:

Nun kann man mit einem umgebogenen Haken (z.B. Schweißdraht)

die Feder herausziehen.  Hier unten im Loch ist sie. Nur als Anhaltspunkt, die Feder sitzt im Federbein ganz unten. Der Haken sollte also mindestens 50cm Länge haben. Mann kann die Feder leicht an der noch immer aufgeschraubten Kontermutter vorbeiziehen. Beim Rausziehen gut abtropfen lassen.

Nun geht es andersherum. Die neue Feder wird wieder eingesetzt - ich habe die engeren Windungen der progressiven Feder nach unten und die weiteren Windungen nach oben gemacht. Dann kommt das Rohr wieder rein, die Unterlegscheibe unter die Kontermutter und diese wird dann wieder so weit reingedreht, dass die Gewindestange des Dämpfers genau so weit wieder aus der Mutter herausschaut wie oben gemessen. Wenn das einer vergessen hat - bei mir waren es 14,3mm. Ach ja, und keinen Schreck bekommen, wenn nach dem Einsetzen der Federn und des Rohres plötzlich die Kontermutter ganz weit unten im Loch ist. Man kann sie langsam mit dem Haken wieder hochziehen. Dann die Kappe wieder aufschrauben und mit 20Nm kontern.

Nun kommt die schwierigere Seite.

Manche sagen zwar, dass nur die rechte Seite getauscht werden müsse, aber mir erscheint es wenig wahrscheinlich, dass bei zwei verschiedenen Federn rechts und links - hier auch noch mit deutlich unterschiedlicher Charakteristik (progressiv und doppeltlinear) - ein gleichmäßiges Eintauchen der Gabel und damit ein perfektes Fahrverhalten zu erreichen ist. Zudem wird dann die Achse erheblichen Scherbewegungen ausgesetzt, die die Klemmung und auf Dauer auch sicher die Achse beschädigen. Habe also beide Seiten getauscht!

Für die linke Seite braucht man eigentlich ein Spezialwerkzeug von HONDA (07VMA-MZ0010A), mit dem die innere Gabelschraube geöffnet werden kann (die mit den vier Kerben). Hier im folgenden Bild ist bereits die Kappe, die Kontermutter (14er) und der Gummianschlagstopfen entfernt. Auch hier sollte der Überstand des Gewindes über der Kontermutter gemessen werden, damit es nachher wieder genauso eingebaut werden kann

Zuerst hatte ich ein 'Spezialwerkzeug' mit dem gravierenden Nachteil, dass die Stützstange aus dem vorherigen Bild leider durch die Öffnung für den Ratschenantrieb noch etwa 120mm hinausragte. Ging also nicht.

Auch ein anderes 'Spezialwerkzeug'  passte zwar auch auf die Schraube, hier das gleiche Problem. Man sieht hier, wie das Werkzeug in die Schraube eingreift:

Also habe ich zur altbewährten Methode gegriffen (ja, es darf sich mit Grausen abgewendet werden!)

Wenn man es schon so macht, ist es sehr wichtig, dass man die Verlängerung genau so ansetzt, dass die mittlere Öffnung der Verlängerung genau über den hervorstehenden Teil des Ringes greift, somit also nur der Rand der Verlängerung unten in der Kerbe angreift. So bringt man die Kraft möglichst nahe an die Schraube heran. Wenn man nur auf die Nase am oberen Rand schlägt, dann zerschlägt man die ohne die Schraube öffnen zu können.

 Hier im Detail:

Dann treibt man die Schraube mit leichten (!!!!) Schlägen auf. Das muss sehr behutsam vor sich gehen, damit man die Schraube nicht beschädigt. Sinnvoll ist es, vorher eine Markierung zu machen, damit man beim Zudrehen die Schraube (natürlich wird dann auf der anderen Seite getrieben) diese wieder genauso fest 'anzieht'.

Kann man das Spezialwerkzeug auftreiben und es richtig machen: Die Schraube ist mit 98Nm angezogen und muss nachher auch wieder auf diesen Wert gespannt werden.

Nachdem das überstanden ist, ist der Rest wieder recht einfach. Nach Entfernen der Schraube wird die gesamte Gruppe nach oben abgenommen.

Im folgenden Bild ist übrigens die Gegenfeder zu sehen, die beim starkem Ausfedern der Gabel diese gegen die eigentliche Tragfeder abfedert. Damit wird bei leicht belasteter Gabel diese weicher gemacht.

Hier die Gruppe noch mal einzeln, dahinter der Anschlagsgummi und halb verdeckt die Kontermutter. Beides sitzt oben auf der Stange, der Gummi unter der Kontermutter mit dem dicken Ende nach oben.

Als nächste zieht man das auch hier vorhandene Stahlrohr mit dem Haken raus. Dieses Rohr hat unten keine Führung, nimmt also nicht soviel Öl mit hoch.

Nun kann auch hier mit dem Haken nach der Gabelfeder geangelt werden und diese herausgezogen werden. Achtung, Auf der Feder liegt noch eine Stahlscheibe, die beim Hochziehen der Feder mit hochkommt. Die muss wieder mit rein!

Diese Feder muss in der gleichen Orientierung montiert werden wie die Feder auf der anderen Seite. Wenn dort die engen Windungen unten sind, dann hier also auch. Die Scheibe bekommt man am Besten wieder ordentlich mit rein, wenn man die Feder einführt, mit dem Haken aber noch festhält, die Scheibe auflegt und das ganze dann langsam nach unten gleiten lässt. Dann kommt das Rohr wieder rein, die Baugruppe mit der Gegenfeder und der inneren Gabelschraube mit den Nasen, der Gummi-Dämpfer und die Kontermutter. Diese wird wieder auf das gemessene Maß eingedreht (bei mir 14,3mm) und dann kommt die Kappe drauf. Auch hier wird mit 20Nm gekontert.

Spätestens jetzt muss das abgesaugte Gabelöl wieder eingefüllt werden - zudem die Menge, die noch nach dem Entfernen der Federn und Rohren von diesen abgetropft ist. Bei mir waren das etwa 4-5ml pro Gabelbein.

Wenn alles kontrolliert ist, dann wird der Spannriemen geöffnet, der das Vorderrad oben hält - das Vorderrad wird dabei immer noch vom Wagenheber unterstützt. Dann wird das Vorderrad langsam abgesenkt, bis die Kappen aufliegen. Nun noch kontrollieren, ob die Gummi-O-Ringe ordentlich in den Nuten der Kappen liegen und dann ein klein wenig weiter absenken. Die Kappen wechselweise anschrauben und dann mit 34Nm anziehen. Gabel ganz entlasten, Block unter dem Hinterrad wegnehmen und das Bike langsam absenken und dabei prüfen, ob die Gabel ordentlich trägt. Wenn die Maschine frei ist, mit Eintauchen der Gabel (vordere Bremse angezogen) prüfen, ob alles lautlos und ohne harte Stellen federt. Ein leichtes Gleitgeräusche rechts ist am Anfang o.k., da sich der Gleitring unten am Stahlrohr im rechten Federbein erst wieder mit Öl tränken muss. Das sollte aber schnell weggehen.

Hier noch die ausgebauten Federn (die neuen habe ich leider nicht fotographiert). Man kann deutlich die beiden unterschiedlichen Windungsdichten sehen (daher doppeltlineare Federn)

Ich hoffe, mit dieser Beschreibung kann man klarkommen - ihr könnt mich für weitere Frage aber auch gerne anmailen oder anrufen.

Einen ersten Fahrbericht wird es dann morgen geben - die ersten Testmeter durch alle Schlaglöcher unserer Straße lassen aber ahnen, dass es ein echter Gewinn ist. Ach ja, meine Gabel knackt nun gar nicht mehr - auch bei korrekt gespannten Gabelbrückenschrauben. Lag wohl doch an den Federn. Da ich auch mit den neuen progressiven Federn am Hinterrad (Progressive Suspension IAS 440) extrem gute Erfahrungen gemacht habe - bin ich mal sehr gespannt...

Gruß Sven